Image und Smarties

Begonnen von P.S., 09:51, 20.01.2014

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P.S.

Viel Smarties wenig Kaugummi heilen Migräne. Nicht.
18. Januar 2014 von Markus A. Dahlem in Migräne

Könnte man eine Krankheit mit Smarties und dem Verzicht auf Kaugummi heilen, würde ich verstehen, warum diese ein schlechtes gesellschaftliches Ansehen hätte. Leider ist es bei Migräne umgekehrt. Schlechte Presse sorgt auch diese Woche für falsche Vorstellung auf dem Niveau von "Schatz, heute nicht, ich habe Migräne".

Gleich zweimal. Am 10 Januar titelt die Hamburger Morgenpost: "Auch süße Smarties machen Migräne weg".



Eine Woche später, also gestern, dann in der F.A.Z.:

Wenn Kinder unter ständigen Kopfschmerzen leiden, kann das mit dem Kauen von Kaugummi zusammenhängen, schreiben Neurologen, die ihre Patienten durch ein Kaugummiverbot von Migräne heilten.

Diese Schlagzeilen bzw. Anreißer gehen auf Kosten der Menschen, die unter Migräne leiden. Beide Zeitungsberichte sind nicht frei erfunden sondern beziehen sich auf zwei (mehr oder weniger) aktuelle Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Statt nun aber den Kern der neuen wissenschaftlichen Erkenntnis herauszuarbeiten und diesen in eine Schlagzeile zu gießen, werden lieber zusammenhangslos Klischees bedient.

In der ersten Studie geht um einen neuen Nachweis, dass Placebos selbst dann Symptome lindern, wenn die Behandelten darüber aufgeklärt werden, dass sie keine echten Medikamente einnehmen. Dabei ist der Placebo-Effekt immer noch schlechter als die Wirkung des Medikaments. Als Erkrankung wurde in dieser Studie Migräne gewählt, weil ihre Symptome sich in episodischen Attacken äußern. Dadurch sind selbst Vergleiche der Effekte bei einer Person in aufeinanderfolgenden Attacken möglich. Es gab und gibt jedoch keinen Grund anzunehmen, dass die Ergebnisse in ihren Kern spezifisch für Migräne sind. Es ging in erster Linie um Placebo-Forschung und nicht um Migräne-Forschung.

Bei dem Artikel in der F.A.Z. ist es noch einfacher aufgeklärt.  Die wissenschaftliche Veröffentlichung ist vom 4. November 2013, also nicht gerade hochaktuell. Es ging in dieser nicht um Migräne sondern wahrscheinlich um Kopfschmerzen, die in ihren Symptomen einer Migräne ähnlich sind, aber durch Kaugummikauen ausgelöst werden. Die Autoren spekulieren auch darauf, dass Kaugummikauen ein Trigger für Migräne sein könnte. Wofür es keine Belege gibt. Wenn aber, würden Betroffene nicht "geheilt" sondern vermeiden nur einen Trigger. Das steht genau nicht im Anreißer.

Würden Journalisten ähnlich ihre Schlagzeilen ummünzen, um Klischees zu bedienen, wenn es um eine andere ernsthafte Erkrankung ging? Wahrscheinlich ja, denn um Klischees zu bedienen, müssen Klischees erstmal entstehen. Das eine bedingt das andere. Deswegen ist die eigentliche Frage, wo diese herkommen?

Eine Besonderheit der Migräne ist, dass sie in einem extrem breitem Spektrum an klinischen Bildern verläuft. Viele Erkrankungen verlaufen zum Glück milde. Es liegt für mich daher nahe, dass vor allem solche Verläufe das öffentliche Bild der Migräne prägen. Die Prävalenz der Migräne von 12-14% bedeutet aber, dass in Deutschland allein eine Million Menschen leben, die zu den 10% der schwersten Verlaufsformen zählen.

Es mag daher durchaus sein, dass selbst Menschen, die an Migräne erkrankt sind und doch das Glück hatten sich an dem anderen, dem leichten Ende des Spektrums zu befinden, über solche Schlagzeilen schmunzeln. Für die anderen ist es eine weitere bittere Erfahrung.

Mit freundlicher Genehmigung von Markus Dahlem
Quelle:
http://www.scilogs.de/graue-substanz/viel-smarties-kaugummi-migraene-nicht/